«Ich bin Nummer 67, wenn ich fahre, habe ich das Gefühl zu fliegen. Als würde ich die Welt von oben betrachten. Dieses Gefühl der Freiheit macht ziemlich süchtig.» Mit diesen Sätzen beginnt der erste Langspiel-Dokumentarfilm «Cyclique» des jungen Filmemachers Frédéric Favre. Ausgesprochen wird dieses Bekenntnis von einer der drei Hauptfiguren des Streifens, von Caroline Christinaz. Die eingefleischte, 28-jährige Kurierfahrerin steht an einem Scheideweg. Sie möchte eigentlich den Beruf wechseln und einen Job als Journalistin antreten. Mit diesem Entscheid tut sie sich schwer. Ihrem zwei Jahre älteren Kollegen Raphaël Pfeiffer steht ebenfalls eine einschneidende Veränderung bevor. Zwar ist auch er süchtig nach diesem Job. «Von einer Mission erfüllt zu sein, das liebe ich. Ich ziehe eine Kuriertasche an und schon bin ich jemand anderes», sagt Raphaël. Und die Entbehrungen, die Härte dieses Jobs und die Aussage, dass dies nur ein Job für Junge sei, kontert er: «Ich glaube, man kann das sein Leben lang machen – auch wenn ich jetzt das Gefühl habe, dass ich am Ausbrennen bin.» Raphaël fährt bereits seit neun Jahren als Kurier. Er wird die Schweiz bald verlassen. Deshalb steht der Lausanner Velokurierfirma Vélocité ein Generationenwechsel bevor. Den Platz für Raphaël wird bald Matila Corminbœuf einnehmen. Zuvor muss der 21-Jährige eine harte Bewährungsfahrt hinter sich bringen. «Regen, Wind und Stress – eine ziemliche Grenzerfahrung», gibt er nach seinem ersten Einsatz zu. «Es ist die Realität des Berufes», so sein Fazit – und er bekommt den Job als Kurierfahrer auf den Strassen der hügeligen Stadt Lausanne.
Vom Regisseur ins Bild gesetzt
Frédéric Favre hat für diesen Film auf seine eigene, achtjährige Erfahrung als Velokurier in Genf zurückgreifen können. «Cyclique» ist nicht nur sein erster langer Dokumentarfilm, es ist auch sein Diplomfilm. Er schloss 2014 seinen Masterstudiengang Film an der École cantonale d’art de Lausanne (Ecal) ab. Die Arbeit an «Cyclique» dauerte ein ganzes Jahr. Dafür richtete er sein Büro in den Räumlichkeiten der Kurierfirma Vélocité ein. Zwei- bis dreimal in der Woche begleitete er seine Hauptdarsteller bei ihrer Arbeit. Dass sich der Filmemacher dabei stark zurücknimmt, gefällt. Favre gibt der Zeitung «24 heures» an, mit den Kurierfahrern gelebt und sehr viel mit ihnen gesprochen zu haben. «Ich habe höchstens während 20 Prozent dieser Zeit auch gefilmt.» Die Filmaufnahmen stammen allesamt von Favre. Er folgte den Kurieren ebenfalls auf dem Velo – einhändig. In der anderen Hand die Kamera, denn «es wäre zu schwierig geworden, jemanden mit genügend Zeit zu finden, der den Darstellern mit dem Velo auch hätte folgen können».
«Cyclique» ist ein gelungener Film. Den Hauptfiguren folgt man gerne. Favre lässt uns an den unbekümmerten wie den ernsten Seiten von Caroline, Raphaël, Matila und Joséphine teilhaben. Empfehlung: unbedingt ansehen!
Der Film
«Cyclique»
Schweiz 2015
Sprache: Französisch mit Untertiteln in Deutsch und Englisch
Regie, Drehbuch und Kamera: Frédéric Favre
Darsteller: Caroline Christinaz, Raphaël Pfeiffer, Matila Corminbœuf, Joséphine Maillefer und weitere
Schnitt: Prune Jaillet
Musik: Inmates voices, The Ghost Parade, Paradajz Vampiri
Produktion: Lomotion, David Fonjallaz und Louis Mataré
Jetzt im Kino.







