Das Familiengeheimnis

Die bezaubernde Sandrine Bonnaire steht in «Die Frau des Leuchtturmwärters» im Mittelpunkt einer Dreiecksgeschichte, die sich 1963 vor der bretonischen Küste auf der Insel Ouessant abspielt.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 18.07.2012

Camille (Anne Consigny) fährt auf die Insel Ouessant, die sich vor der bretonischen Küste befindet. Sie möchte dort ihr Geburtshaus verkaufen. Angekommen, findet sie ein Paket vor, das eigentlich an ihre vor Kurzem verstorbene Mutter Mabé adressiert ist. Im Paket befindet sich ein Buch. Sie beginnt darin zu lesen. Der Film führt uns nun ins Jahr 1963. Ein Fremder kommt auf die Insel. Es handelt sich um Antoine (Grégori Derangère). Er soll den Posten des verstorbenen Vaters von Mabé übernehmen. Dieser war als Wärter auf dem Leuchtturm «La Jument». Antoine wird damit ein Arbeitskollege von Mabés Mann Yvon (Philippe Torreton). Zuzüger An­toine macht sich nicht sehr beliebt, war der Job doch für jemand anderes vorgesehen. Niemand scheint Antoine zu mögen. Deutlich bekommt er die Ablehnung zu spüren. Nur bei den Frauen kommt er gut an. Neben der Arbeit auf dem Leuchtturm ist Antoine auch in der ortsansässigen Fischfabrik angestellt.

Auch Mabé arbeitet dort und findet Gefallen an Antoine. In einer Szene stösst sie velofahrenderweise auf Antoine. Mit den Worten «Na, Sie brauchen wohl auch bald ein Fahrrad» begrüsst sie ihn. Sie begleitet ihn ein Stück weit. Auch der neue Dorfpfarrer «muss lernen, Fahrrad zu fahren, Bretonisch zu sprechen und auch noch zu angeln», wie er sagt. Auf dem Leuchtturm kommt es schliesslich zu einer intimen Begegnung. Antoine verlässt die Insel. Aber nicht ohne seine Spuren hinterlassen zu haben. Das Paar Mabé und Yvon war bis zum Erscheinen von Antoine kinderlos. Nach der Lektüre des Buches kennt Camille ihre wahre Identität.

Eine Wunschbesetzung

Der Filmemacher Philippe Lioret war als Toningenieur tätig, bevor er als Regisseur 1993 seinen ersten Spielfilm «Tombés du Ciel» realisierte. «Die Frau des Leuchtturmwärters» ist sein vierter Spielfilm. «Die Frau des Leuchtturmwärters» könnte auch «Familiengeheimnis» heissen, sagt der Regisseur. Beschäftigt hätten ihn Fragen wie: Wie waren unsere Eltern wirklich? Und wie haben sie gelebt?

Philippe Lioret hatte Sandrine Bonnaire bereits früh als Hauptdarstellerin im Fokus. «Für mich war es das erste Mal, dass ich schon während des Schreibens eine ganz konkrete Schauspielerin im Kopf hatte. Das war toll! Und dann kennen wir uns wirklich sehr gut, ein kurzer Blickwechsel zwischen Sandrine und mir, und wir wissen, was der andere meint. Das erleichtert die Zusammenarbeit.»

Die in Paris geborene, aus einer Arbeiterfamilie stammende Sandrine Bonnaire kam ohne Schauspielunterricht zum Film. Ihre erste Rolle bekam sie 1983 im Film «A nos amours» («Auf das, was wir lieben»). Damals war sie gerade einmal 16 Jahre alt. Seither stand die Darstellerin beinahe jedes Jahr vor der Kamera. Mit dem Dokumentarfilm «Elle s’appelle Sabine» stellte sie an der Berlinale von 2008 ihre erste Regiearbeit vor.

Bonnaire hat die Figur Mabé in «Die Frau des Leuchtturmwärters» berührt: «Eine Frau, die auf Ouessant geboren wurde, die sehr früh heiratet und keine Kinder bekommen kann. Sie hat nie viel über ihr Leben nachgedacht. Sie lebt ein eintöniges Leben ohne Überraschungen – bis zu diesem Moment, als ein von allen angefeindeter Fremder auf die Insel kommt. Dadurch wird Mabés Leben aus seiner monotonen Bahn gerissen. Plötzlich spürt Mabé Verlangen – ein völlig neues Gefühl für sie, es erinnert an Liebe, ist aber anders. Trotz aller Verbote gibt sie nach.»

Die Wahl der zwei männlichen Hauptdarsteller, Philippe Torreton und Grégori Derangère, war für Lioret etwas schwieriger. Torreton stand aber bald fest, «denn Philippe kann von einer Sekunde auf die andere um 20 Jahre älter wirken, um eine Sekunde später 30 Jahre jünger auszusehen». «Die Frau des Leuchtturmwärters» ist eine solide inszenierte Dreiecksgeschichte mit einem ebenso agierenden Ensemble.


«Die Frau des Leuchtturmwärters»

Originaltitel: «L’equipier»
Gedreht: Frankreich 2004
Regie: Philippe Lioret
Länge: 105 Minuten
Drehbuch: Philippe Lioret, Emmanuel Courcol, Christian Sinniger
Schauspieler: Sandrine Bonnaire (Mabé), Philippe Torreton (Yvon), Grégori Derangère (Antoine), Émile Consigny (Brigitte), Anne Consigny (Camille), Martine Sarcey (Jeanne heute), Nathalie Besançon (Jeanne)

 

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