Gute Verkaufszahlen sind die eine Seite der Medaille. Die andere sind Aussagen wie «E-Biker machen Wanderern den Platz streitig», «Invasion, die die Wanderer ärgert» oder «Dichtestress am Berg, Wanderer gegen Biker», so gehört in einem «Rundschau»-Beitrag des Schweizer Fernsehens. Kritiker mögen den Bericht als tendenziös abtun, stilisiert er doch den überwunden geglaubten Konflikt zwischen Berggängern und Bikern hoch. Tatsächlich entsprechen die Vorbehalte gegenüber dem (E-)Mountainbike kaum der Realität. Grundsätzlich führen die E-Mountainbiker zwar etwas schneller den Berg hoch als herkömmliche Biker. Man habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass das Fahrtempo dem selber eingeschätzten Können entspreche, sagt Lenzerheide-Tourismus-Direktor Bruno Fläcklin zu Velojournal. «Der routinierte Tourenbiker setzt eine tiefe Unterstützung ein, der ungeübte zwar eine hohe Unterstützung, aber bei tiefem Tempo.» Für den Touristikprofi sind Biker – ob mit oder ohne Motor – wichtige und gern gesehene Gäste. «Wir denken, dass E-Mountainbiken einen Trend auslösen könnte, wie dies seinerzeit die Carving-Ski gemacht haben», gibt sich Fläcklin optimistisch.
Kurse und ein Knigge
Zumindest in der Lenzerheide kann von Dichtestress also nicht die Rede sein. Und zu ernsthaften Zwischenfällen mit Elektro-Bikern ist es bisher in der Schweiz nicht gekommen. Konfliktpotenzial, da sind sich Fahrradbranchenakteure einig, ist trotzdem vorhanden. Bereits Anfang 2016 hat die Schweizer Velobranche an einem Schulungsanlass in Luzern den E-Mountainbike-Trend heiss diskutiert. Damals war sich die Runde einig, dass die Bikebranche mehr Selbstverantwortung übernehmen müsse. «Beim Thema E-Mountainbiken ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten,» konstatiert Tamara Winograd, Leiterin Marketing bei Bosch E-Bike Systems. Zusammen mit Swiss Cycling lancierte der deutsche Elektroantriebsproduzent darum im Frühsommer 2016 E-Mountainbike-Kurse. Die Kurse waren ein Erfolg, weshalb sie 2017 weitergeführt werden.
Auf Kurse setzt auch die Schweizer Marke Transalpes. Käuferinnen und Käufer eines E-Mountainbikes erhalten einen Fahrtechnikkurs bei einem Swiss-Cycling-Guide geschenkt. Als weiterer Player bringt sich Haibike ins Thema ein. Gemeinsam mit Tourismus- und Alpenverbänden will die Marke eine Trail-Etikette erarbeiten.
Klingeln und freundlich grüssen
«Eine Kundenbroschüre wäre wünschenswert», sagt Marius Graber vom Velociped in Kriens. Weil es keine gibt, setzen er und seine Mitarbeiter auf das persönliche Beratungsgespräch. Man diskutiere das Verhalten im Wald und auf Trails regelmässig mit Kunden, heisst es auch bei E-Motion Dietikon. «Unsere Message dabei ist klar. Rücksicht nehmen auf die langsameren, schwächeren Nutzer. Sich früh zu erkennen geben, klingeln, freundlich grüssen, sich bedanken, wenn die anderen ausweichen», erläutert Daniel Rey vom Dietikoner E-Bike-Spezialisten. Und erwähnt einen weiteren Faktor: Ein Grossteil seiner E-Mountainbike-Käufer müsse gar nicht speziell für das Thema sensibilisiert werden. Die einen setzen sich nämlich hauptsächlich wegen des Komforts auf ein gefedertes E-Bike, fahren damit aber in der Stadt. Die anderen sind erfahrene Biker und gewohnt, Rücksicht auf Wanderer und Natur zu nehmen, weiss Rey. Seiner Meinung nach geht es in der E-Mountainbike-Diskussion um eine dritte, im Moment noch kleine, aber wachsende Gruppe. «Und zwar um diejenigen, die neu direkt auf einem E-Mountainbike in den Bikesport einsteigen.»
Für diese Gruppe gibt es zwar keine Broschüre, wohl aber ein Factsheet. «E-Bikes abseits der öffentlichen Strassen» des Portals NewRide informiert über wichtige Punkte, die im Umgang mit Wanderern und Natur zu berücksichtigen sind. Dass sich Infokampagnen lohnen, zeigt das Beispiel Wintersport. Das Bundesamt für Sport lancierte vor zwei Jahren zusammen mit dem Schweizer Alpen-Club (SAC) die Kampagne «Respektiere deine Grenzen». Heute gibt es wohl keinen Skitourenfahrer in der Schweiz, der sie nicht kennt.
Richtiges E-Mountainbiken will gelernt sein
Die Kurse sollen den Fahrspass, den sicheren Umgang mit dem E-Mountainbike und das korrekte Verhalten im Gelände fördern. Alle Veranstaltungen werden von ausgebildeten Swiss Cycling Guides durchgeführt. Sie dauern rund vier Stunden und finden an verschiedenen Orten und an unterschiedlichen Daten statt.
www.cycling.ch/de/breitensport/e-mountainbike







