BikeTourismus als Impulsgeber

Nachhaltiger Tourismus ist noch immer ein Nischenmarkt. Aber immer mehr Menschen suchen diese Form der Erholung, von der auch die lokale Bevölkerung profitieren kann. So unterstützt die Schweiz etwa in Albanien und Mazedonien Biketourismus-Projekte.

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Pete Mijnssen
18.07.2017

Die Schweizerinnen und Schweizer sind ein reisefreudiges Völklein. Wie das Bundesamt für Statistik kürzlich veröffentlichte, legt jede Person im Durchschnitt fast 11?100 Kilometer pro Jahr im Ausland zurück, den grössten Teil davon im Flugzeug. Die Auslandsdistanzen machen mit 45 Prozent fast die Hälfte der gesamten Jahresmobilität aus. Aber auch weltweit legt der Tourismus kräftig zu. Die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) schätzt, dass sich die Reise- und Tourismusaktivitäten bis 2030 weltweit verdoppeln werden.
Neben allen negativen Aspekten sind das auch grosse Chancen für den Aufbau von Arbeitsplätzen im nachhaltigen Tourismus. Mit einer «entschleunigten» Entwicklung sollen Destinationen selber darüber bestimmen können, wie der Lebensstandard vor Ort verbessert wird, ohne nachfolgende Generationen zu benachteiligen. Mit der Stärkung von lokalen Initiativen soll das kulturelle Erbe bewahrt werden, unter Vermeidung der Ressourcenübernutzung und ohne Verschlechterung der biologischen Vielfalt.
Swisscontact unterstützt solche Projekte, entwickelt in engem Kontakt mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Seit Kurzem setzt die Organisation in Mazedonien schwerpunktmässig auf Wander- und Biketourismus. Wie das angrenzende Albanien hat auch Mazedonien eine der schwächsten Volkswirtschaften Europas und gehört zu den Schwellenländern. Das Land kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit und einer schwachen Infrastruktur. Wie vielerorts auf dem Balkan flackern nach dem Aus­einanderfallen der Republik Jugoslawien und den nachfolgenden Kriegen immer wieder ethnisch motivierte Konflikte auf, vor allem zwischen Mazedoniern (64 Prozent Bevölkerungsanteil) und Albanern (25 Prozent). Die Roma sind mit 2,6 Prozent zwar eine kleine Minderheit. Sie werden aber auch hier, wie auf dem ganzen Balkan, oft besonders ausgegrenzt.

Ideal für Frauenprojekte
Gabriella Crescini ist Expertin für Tourismusentwicklung bei Swisscontact und selber begeisterte Bikerin. Im Gespräch mit Velojournal erklärt sie, worauf bei den Projekten geachtet wird: «Eine Region muss ein Mindestmass an Attraktionen und Basisinfrastruktur haben, um eine touristische Destination zu werden, einen Mix aus Landschaft, Kulturgütern, Übernachtungen, Essen, Gastfreundschaft und im Fall von Mazedonien:
Bike-Trails.» Zudem stehen Frauenförderung und die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit besonders im Fokus. Ist es denn nicht schwierig, in diesem Umfeld gerade auch Frauenprojekte aufzubauen? Crescini verneint: «Wir haben dabei gute Erfahrungen gemacht, gerade im sozialistischen Jugoslawien etwa hatten die Frauen ja viele Rechte.»

Begegnungen auf Augenhöhe
Wenn also eine Region die oben genannten Kriterien erfüllt, sollten Anbieter mit Einheimischen ein Projekt ausarbeiten und umsetzen. In Mazedonien war dies der Schweizer Reiseanbieter Bike Adventure Tours. Bevor das Programm im letzten Herbst starten konnte, musste der Tour-Operator vor Ort recherchieren und eine lokale Partnerschaft aufbauen. Die Touren sind laut Crescini sehr gut angelaufen: «Wie Wanderer haben Biker ein hohes Umweltbewusstsein.» Und sie schätzen die Begegnungen mit der Bevölkerung auf Augenhöhe, die Gastfreundschaft und die lokale Essenskultur. Und noch eine aktuelle Frage zum Schluss: Ist das Reisen mit E-Bikes in Mazedonien ein Thema? Crescini lacht: «Nein, bis jetzt noch nicht.»


Swisscontact

Swisscontact wurde 1959 als unabhängige Stiftung gegründet. Sie ist ausschliesslich in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Sie steht der Privatwirtschaft nahe und agiert im Tourismusbereich nach den Grundsätzen von «Nachhaltigem Tourismus-Destinationsmanagement» (STDM). Dabei verpflichten sich die Schlüsselakteure, zusammen neue, verbesserte und nachhaltigere Angebote an den jeweiligen Destinationen zu entwickeln. Deza und Seco sind deren Hauptfinanzierer – seit mehr als zehn Jahren müssen die Projekte öffentlich und im internationalen Wettbewerb ausgeschrieben werden.
Die Schweiz gibt jährlich knapp 0,4 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens (BNE) oder 3,51 Milliarden Franken für die öffentliche Entwicklungshilfe aus. In den vergangenen Jahren wurden diese Mittel immer mehr in Flüchtlings- und Immigrationsprojekte im Inland gesteckt.

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