Die Fachjury des «Prix Velo Infrastruktur 2012» hatte die schwierige Aufgabe, aus zwanzig qualitativ überdurchschnittlichen Eingaben jene herauszufiltern, die bezüglich Bequemlichkeit und Sicherheit modellhaft sind. Letztlich entschied die Frage des Zusatznutzens, den ein Projekt mitbringt; sei es in den Bereichen Kommunikation und Leadership oder durch Anstrengungen für mehr Komfort und Sicherheit der Velofahrenden.
Radeln auf dem roten Teppich
Basel legt Velofahrenden den roten Teppich aus und gewinnt den Hauptpreis. Die Stadt nimmt den Charakter der Zufahrten zu Schlössern, Herrschafts- und Landhäusern auf. Diese führen oft über eine von alten Bäumen gesäumte Strasse. Eine ähnliche Sinneserfahrung machte die Jury, als sie über den Stückisteg das Flüsschen Wiese querte, um zum Einkaufszentrum «Stücki» zu gelangen. Der Steg ist eine 55 Meter lange Fuss- und Radwegbrücke. Rund fünf Meter Breite sind den Velofahrenden reserviert, auf einem vom Fussverkehr getrennten Radweg mit zwei richtungsgetrennten Fahrbahnen. Die Brücke aus Stahl und Beton wurde als flankierende Massnahme beim Bau des Einkaufszentrums erstellt.
Der Kanton Basel-Stadt hat zusammen mit dem Investor die Chance genutzt, dem Langsamverkehr symbolisch «den roten Teppich auszurollen». Trotz vorhandener Brücken in unmittelbarer Nähe wurde dieser Steg genau dort platziert, wo er gebraucht wird und seine Symbolwirkung entfalten kann: diagonal über den Fluss und vor allem direkt auf den Eingang des Einkaufszentrums gerichtet.
Einmal mehr ging auch ein «Prix Velo» nach Graubünden: Nach der Bahnhofplatzplanung Chur 2007 jetzt ins Prättigau. Hier verlief die regionale Veloroute Nr. 21 (Sargans–Klosters) zwischen Jenaz und Dalvazza bisher über eine unattraktive und von vielen Steigungen geprägte Strecke. Der neue, 3,6 km lange Radwegabschnitt Fideris–Dalvazza wertet die Route auf und macht sie sicher. Damit wird die Trennung des Langsamverkehrs vom motorisierten Verkehr auf der stark befahrenen Nationalstrasse erreicht. Der Radweg wurde zwischen die Landquart und das Trassee der Rhätischen Bahn gelegt. Die Streckenführung und der Ausbaugrad sind ein Musterbeispiel dafür, wie Lücken im bestehenden Velowegnetz geschlossen werden können.
Bieler Verleihsystem
Nach dem Veloabstellkonzept im Jahr 2005 prämiert die Jury in Biel nun auch das selbst entwickelte und deshalb massgeschneiderte, flächendeckende Bikesharing-System «velospot» mit einem Anerkennungspreis. Wie andere moderne Bikesharing-Systeme auf der ganzen Welt wird es von den Nutzerinnen und Nutzern mithilfe einer RFID-Karte bedient. Ein zentraler Server überwacht die Ausleihvorgänge und zeichnet diese auf. Der grosse Unterschied zu den bekannten Systemen besteht darin, dass jedes Velo über ein elektronisches Schloss verfügt. Hier werden die Nutzerdaten gelesen und drahtlos zur Kommunikationssäule übermittelt. Dieses mobile System, das – abgesehen von einer Säule pro Standort – keine Infrastruktur benötigt, ermöglicht die rasche Platzierung und Verschiebung von Bikesharing-Velos in variabler Anzahl.
Noch befindet sich das System im Aufbau. Bis im Sommer 2012 soll es mit über 40 Standorten und 250 Velos in Betrieb sein. Neben dem ökonomischen und ökologischen Nutzen hat das Projekt auch eine soziale Komponente. Die Wartung der Velos und das Flottenmanagement werden von Teilnehmenden eines Sozialbetriebs gewährleistet, die damit einer sinnvollen und für die Bevölkerung sichtbaren Tätigkeit nachgehen. n







