Die Vertrauensfrage

Im Film «Barbara» des Regisseurs Christian Petzold spielt Nina Hoss die Hauptrolle. Dabei macht die Schauspielerin auch auf dem Velo eine gute Figur.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 23.05.2012

Wir befinden uns in der DDR. Es ist das Jahr 1980. Barbara Wolff (Nina Hoss), Ärztin von Beruf, wird zur Strafe von der Berliner Charité, der Hauptstadt-Klinik, in ein Provinzkrankenhaus versetzt. Ihr Vergehen: Sie hat einen Ausreiseantrag gestellt. Das neue Leben wird ihr nicht leicht gemacht. Sie bekommt eine heruntergekommene Wohnung zugeteilt, und ihr neuer Chef André Reiser (Ronald Zehrfeld) ist offensichtlich ein Stasimitarbeiter. Im Keller findet Barbara ein Velo. Damit wird sie etwas unabhängiger und ist nicht auf den «Fahrdienst» von André angewiesen. Doch zuerst muss sie das Velo noch in Schuss bringen. In einer kleinen Szene sehen wir, wie sie in der gefüllten Badewanne einen Veloschlauch auf undichte Stellen untersucht.

André bekundet Interesse an Barbara. Doch diese blockt jede Annäherung ab. Ihre Skepsis gegenüber den Menschen ist gross. Während Jörg (Mark Waschke), ihr Geliebter aus dem Westen, die Flucht vorbereitet, wird die Wohnung von Barbara immer wieder von Stasioffizier Klaus Schütz (Rainer Bock) durchsucht. Für Stella (Jasna Fritzi Bauer), eine jungen Patientin, stellt André auf nicht regulärem Weg ein Serum her. Damit gewinnt er bei Barbara an Ansehen. Sie erfährt, dass auch er keinen perfekten Leumund besitzt. Und beide verbindet eine grosse Leidenschaft für den Beruf. Dennoch hält Barbara bis zuletzt an ihren Fluchtplänen fest, auch wenn die Aussicht auf ein Leben im Westen als wohlbehütete Hausfrau nicht wirklich zu ihr zu passen scheint.

Christian Petzold («Die innere Sicherheit») verfasste für «Barbara» das Drehbuch und führte bei der Umsetzung Regie. Der erfahrene Filmemacher leis­tete sich den Luxus, den Film bis auf eine Szene chronologisch zu drehen. Der Schauspieler Ronald Zehrfeld ist davon angetan: «Wenn man nicht chronologisch dreht, muss man sich den Bogen permanent vor Augen führen, den man zusammen mit den Kollegen und dem Regisseur bauen will. Wenn aber chronologisch gedreht wird, ist dieser Bogen ganz anders da, da ist man näher an der Figur, das Spiel wird organischer und lebhafter.»

Die gefühlt echte DDR

Die DDR in «Barbara» kommt gänzlich ohne «Ostalgie» aus. Vielmehr vermittelt der Film das Gefühl grossen, allgegenwärtigen Misstrauens bei den Menschen. Eine Erfahrung, die der Regisseur mit Jahrgang 1960 bei seinen Besuchen in der DDR damals noch selbst machte. Es gab nicht nur das Misstrauen, ausgehend vom Überwachungsstaat, sondern auch eine Tauschwirtschaft: «Wenn ich denen was gebe, kriege ich was dafür.» Dies führte zur zentralen Frage im Film: «Wie nistet sich Macht in Liebe ein?» So kann Zehrfeld gut damit leben, dass Symbole wie Hammer, Zirkel und Ährenkranz weggelassen wurden. Zentraler war die Frage: «Kriegen wir den Blues hin, den es damals gab: Kann ich jemandem vertrauen? Tut der andere etwas aus Eigennutz, oder meint er das wirklich so? Gleichzeitig aber gab es ein soziales Miteinander, was man heute mehr und mehr vermisst und das es damals gab, zumindest in meiner Kindheit.» Für Petzold hat der Film all dies eingelöst. «Ich habe wieder gespürt, wie das damals zwischen den Menschen war», sagt er.

Intention und Resultat in «Barbara» decken sich. Der Film erhielt 2012 den Silbernen Bären für die beste Regie und bekam im Rahmen des Deutschen Filmpreises 2012 die Auszeichnung «Bester Spielfilm in Silber». Doch die schönste Auszeichnung sind viele Kinobesuche. Ein Preis, den dieser Film verdient hat.


«Barbara»

Deutschland 2012
Drehbuch und Regie: Christian Petzold
Schauspieler: Barbara (Nina Hoss), André (Ronald Zehrfeld), Stella (Jasna Fritzi Bauer), Jörg (Mark Waschke), Klaus Schütz (Rainer Bock)




 


Verlosung

Es sind 3-mal 2 Kinotickets für «Barbara» zu gewinnen.
E-Mail an info@velojournal.ch, Stichwort «Barbara». Einsendeschluss: 7. Juni

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