Aufbruch zum letzten Abenteuer

Der mehrfache Radquer-Schweizermeister Christian Heule steht vor seiner letzten Saison. Er erfüllt sich einen grossen Traum und absolviert seine Abschiedstournee in einem US-Team.

no-image

Pascal Meisser
Sport, 14.09.2011

Vom ländlichen Tuggen in die amerikanische Grossstadt Boston – kontrastreicher könnte der vorübergehende Wohnortswechsel des derzeit besten Schweizer Radquerfahrers Christian Heule (36) kaum sein. Der gebürtige St. Galler, der bei den Radquer-Schweizermeisterschaften seit 2004 nur zweimal bezwungen werden konnte, will im Boomland USA seine über zehnjährige Karriere ausklingen lassen. Damit geht für ihn ein jahrelanger Traum in Erfüllung. «Seit langem liebäugelte ich damit, eine Saison in den USA zu verbringen», sagt Heule. Er hatte aber eher damit gerechnet, eine Strassen- und nicht eine Radquer-Saison zu bestreiten.

Aber solche Überraschungen passen zu Heule: Stets ein bisschen anders sein als die andern – mit diesem Lebensmotto ist er immer wieder aufgefallen. So bestritt er in den letzten Jahren die Quer-Saison in einer belgischen Radquer-Profimannschaft und trug – als aktiver Fahrer – mit der Organisation des Badi-Quer in Schmerikon dazu bei, dass der Radquer-Rennkalender nicht noch weiter ausgedünnt wurde. Bevor Heule am Ende der Saison im Februar 2012 seinen endgültigen Rücktritt vom aktiven Sport bekannt gibt, bleibt er seiner eigenen Linie treu. Er liess sich für drei Monate von der amerikanischen Radquer-Mannschaft von «Cannondale p/b Cyclocrossworld.com» engagieren, wo er Teamkollege des amerikanischen Spitzenfahrers Tim Johnson wird, und zügelt deshalb für diese Zeit mit seiner Frau und den zwei Kindern an die amerikanische Ostküste.

Hunderte am Start

«Der Radquer-Sport hat in den USA eine gewaltige Entwicklung durchgemacht», weiss der aktuelle Schweizermeister. «Nun haben die Amis unwahrscheinlich grosse Teilnahmefelder», so Heule, zum Teil stehen über hundert Fahrer pro Kategorie am Start. Zum Vergleich: Je nach Kategorie beträgt die Startfeldgrösse in der Schweiz zwischen 20 und 40 Athleten. «Da sind natürlich Welten dazwischen», kommentiert Heule, und er weiss, dass die Niveau-Unterschiede in Amerika sogar in der Elite-Kategorie brutal sind. In der Schweiz sei die Spitze mit Abstand breiter.

Und dennoch fasziniert ihn diese Aufbruchstimmung in einer Sportart, die hierzulande von einer breiteren Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen wird. Wieso gerade die Radquer-Disziplin jenseits des Atlantiks derart aufgekommen ist, kann sich Heule auch nicht erklären. Offenbar besitzt Cyclocross, wie das Radquer in den USA genannt wird, jenen Coolness-Faktor, der im Laufe der letzten 20 Jahre dem Mountainbike etwas abhanden gekommen ist. In Amerika findet Heule auf jeden Fall das wieder, was er in Belgien – wo er in den letzten Jahren vorwiegend seine Rennen bestritt – zunehmend vermisst hatte: «In Belgien ist das Radquer zum Business geworden, in den USA ist es noch familiär», urteilt er. Diesen «Familien-Groove» wisse er durchaus zu schätzen. Vorgesehen ist, dass Heule die wichtigen USA-Rennen bestreitet, die kreuz und quer im Land verteilt sind. Und sein eigener Anspruch ist hoch: «Ich bin als Siegfahrer verpflichtet worden, und diese Verantwortung will ich vom ersten Rennen weg wahrnehmen.» Doch er hat mit dem letztjährigen USA-Seriensieger Johnson intern grosse Konkurrenz.

Christian Heule kennt aber nicht nur sportliche Ziele. Dies wäre ihm zu einseitig. Der in Tuggen Wohnhafte sieht den Aufenthalt in Amerika auch als Chance, einen nützlichen Sprachaufenthalt zu verbringen. Vorausschauend, wie er ist, hat er auch schon die Zeit nach der Sportkarriere geplant. Im Februar 2012 wechselt er zum Bremsklotzhersteller Swissstop und arbeitet dort im internationalen Verkauf.

Empfohlene Artikel