Die Cime de la Bonette gehört ins Palmarès eines Hobbyfahrers. Denn sie gilt mit ihren 2802 m ü. M. als höchster Pass der Alpen. Ein Prestigeberg, der gar kein Pass ist, sondern eine steile, unnötige Zusatzschleife. Der Col de Restefond ist der eigentliche Übergang zwischen Jausiers im Norden und Nizza am Mittelmeer, doch mit seinen 2715 m ü. M. ist er kein Rekordpass. Iseran, Stilfserjoch und Agnello sind höher. Deshalb bauten die Franzosen diese bereits von Napoleon benutzte Strasse noch etwas aus.
Der Aufstieg zur Cime de la Bonette führt durch einen zauberhaften Naturpark, und die Steigung ist – abgesehen von der Zusatzschleife – human. Doch dieser «höchste Pass Europas» hat einen Nachteil: Er steht meist am Ende einer Alpentraversierung. Dann folgen 100 Kilometer Abfahrt nach Nizza, ein Bier (und vielleicht sogar ein Fisch) am Meer, die Fahrt zum Bahnhof. Was der grösste Fehler ist, den man machen kann. Denn im Hinterland von Nizza befindet sich das Veloparadies: Eine Ansammlung von wenig befahrenen, kunstvoll in den Fels geschnitzten Strässchen, Pässchen, Panoramarouten und Schluchten (gehts bergab und hat man einen menschlichen Töff dabei, erlebt man an dessen Hinterrad ein Velo-Canyoning). Atemberaubend im doppelten Sinn, velofahrerisch und aussichtsmässig.
Kein Wunder, dass viele Profis ihren Wohnsitz an die Côte d’Azur verlegt haben. Tony Rominger war einer der Ersten, Lance Armstrong der Bekannteste, heute fährt sich Chris Froome dort in Form. Er allerdings ohne den berüchtigten Doktor Ferrari, für den der Col de la Madone der ideale Testberg war. Vielleicht haben wir diesen gerade deshalb ausgelassen. Wir wählten ein Hotel (Servotel) in Castagniers, das 17 Kilometer vor Nizza an der Hauptstrasse liegt, die von der Cime de la Bonette herkommt. Es ist eine Unterkunft, die nicht ewig in Erinnerung bleiben wird, die aber die Möglichkeit bietet, auf beiden Seiten des Flusses Var die Gegend zu erkunden. Und den Tag mit einem Essen im Herzen eines der umliegenden Hügeldörfer würdig zu beenden.
Martin Born
16.09.2014







