Auf den Spuren der Mauer

1988 drehte die Filmemacherin Cynthia Beatt mit der Schauspielerin Tilda Swinton den Kurzfilm «Cycling the Frame». Swinton radelte dabei der Berliner Mauer entlang. 20 Jahre später folgte mit «The Invisible Frame» die Fortsetzung. Diesmal ohne trennende Mauer.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 29.01.2010

Schon bevor die in Berlin lebende britische Filmemacherin Cynthia Beatt daran ging, den Film «Cycling the Frame» zu realisieren, den Vorgänger von «The Invisible Frame», entstand in ihr der Wunsch, mit dem Velo der Berliner Mauer entlang zu fahren. Als sie im Sommer 1988 für das «Kleine Fernsehspiel» des ZDF einen Film drehen konnte, hatte sie das Vorhaben bereits in die Tat umgesetzt und war die 160 Kilometer Beton abgefahren.

Ihre Idee der «Mauer-Tour» passte zum ZDF-Projekt. Sie benötigte aber noch eine Schauspielerin. Ihre Wunschkandidatin war Tilda Swinton. Durch einen gemeinsamen Bekannten kam der Kontakt zustande. Swinton war 1988 dem breiten Publikum noch unbekannt. Sie kam 1960 in London zur Welt und studierte in Cambridge Politik und Sozialwissenschaften. Bereits in ihrem Schauspieldebüt von 1986 genügte ihr eine Szene im Film «Caravaggio» des Regisseurs Derek Jarman, um die Fachwelt auf sich aufmerksam zu machen. In diesem Film stand sie als Maria Magdalena für den Maler Caravaggio Modell. «Cycling the Frame» war allerdings eine ganz andere Geschichte. Im nur 27 Minuten dauernden Film führt Swinton, während sie pedaliert, Selbstgespräche oder singt «The wall, the wall – the wall must fall».

Nach der Wende

21 Jahre später: Die Mauer ist weg und «Cycling the Frame» längst zu einem historischen Filmdokument geworden. Swinton ist heute ein Weltstar mit Oscar-Auszeichnung (2008 für die Rolle der intriganten Anwältin in «Michael Clayton»). Beatt und Swinton kamen 2009 erneut zusammen und drehten den Essayfilm «The Invisible Frame». Und wieder parliert Swinton auf dem Velo vor sich hin.

In den Presseunterlagen zum Film beantwortet Beatt die Frage, von wem die Texte im Film stammen: «Hauptsächlich von Tilda. Teilweise sind sie auch aus der Diskussion zwischen Tilda, Simon Fisher-Turner und mir entstanden. Dieser poetische Freilauf von Gedanken war uns sehr wichtig. So kommt im Film die Liste mit den Alltagsaufgaben vor, die Tilda noch erledigen soll. Unterwegs auf dem Velo oder wenn man sich mit der Mauer beschäftigt, denkt man auch daran, was man heute noch zu tun hat. Tilda hat auch zwei Gedichte vorgeschlagen – eines von der russischen Dichterin Anna Achmatowa und eines von William Butler Yeats – sowie ein Zitat von Robert Louis Stevenson.»

Pilgerfahrten

Aber warum ist Swinton in beiden Filmen mit dem Velo unterwegs? Beatt kommen diese Touren entlang der Mauer-Linie wie eine Pilgerfahrt vor. «Man sitzt und bewegt sich irgendwohin, der Kopf ist frei, man kann fahren, wohin man will, und die Gedanken fliessen.»
«The Invisible Frame» wurde in nur 18 Tagen gedreht. Dabei wurden einige Strecken mehrmals befahren. Das Resultat ist dank der besonderen Herangehensweise ein feinfühliger Film. Dazu Beatt: «Wenn sie (Swinton) einige Strecken gefahren ist, habe ich sie gebeten, erst zu gucken, zu riechen und irgendwann auch die Augen beim Fah­ren zu schliessen.» 

«The Invisible Frame»

Deutschland 2009.
Konzept und Regie: Cynthia Beatt.
Darsteller: Tilda Swinton
Musik/Sound: Simon Fisher-Turner.
Laufzeit: 60 Minuten.
 

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