Auf den Kopf gefallen?

Mittlerweile müssen bei Velorennen selbst die Profis einen Kopfschutz tragen. Lange genug hatten sich die Sportler, vor allem mit dem Hitzeargument, dagegen gewehrt.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Sport, 20.07.2011

Ein gewisser Dr. Schiefferdecker, Medizinprofessor aus Bonn, empfahl bereits im Jahr 1900 mit grossem Eifer das Tragen eines Helmes. Allerdings sah der Arzt einen Helm nicht als Schutzvorrichtung bei einem Sturz, wie Ralf Schröder in seinem Buch «Radsport. Geschichte, Kultur, Praxis» schreibt. Er zitiert Schiefferdecker so: «Bei grösseren Touren im Sommer ist zweifellos der richtige Tropenhelm die empfehlenswerte Kopfbedeckung. Er hält bei weitem am kühlsten, besitzt eine ausreichende Ventilation, verträgt Staub und Nässe und sitzt fest genug auf dem Kopf, um auch dem Winde Widerstand zu leisten. Diese Tropenhelme sind bei uns noch eine etwas ungewöhnliche Tracht, doch sie werden sich bei weiterer Ausdehnung des Radsports wohl mehr und mehr einführen.»
Dennoch liegt es kaum mehr am Helmmodell, dass das Thema Hitze noch heute – nun aber als Argument gegen das Helmtragen – ins Feld geführt wird. Noch 1995, in dem Jahr, als Fabio Ca­sartelli auf der Abfahrt vom Col de Portet d’Aspet in einer scharfen Kurve zu Tode stürzte, waren viele Profis gegen eine Helmtragepflicht.

Unter den Gegnern war auch Udo Bölts vom Team Deutsche Telekom, den die Zeitung «Die Welt» so zitierte: «Bei fast 40 Grad im Schatten einen Helm zu tragen – das ist keinem zuzumuten oder sollte wie bisher jedem Fahrer selbst überlassen bleiben.»
Selbst Olaf Ludwig, der immer mit einem Kopfschutz fuhr und der in jenem Jahr in der Etappe nach Le Havre zu Fall kam, wobei sein Helm brach, gab den Helmverweigerern damals noch Schützenhilfe: «Es gibt viele Fahrer, die speziell bei Berg­etappen und der Hitze keinerlei Kopfbedeckungen vertragen.» Übrigens: Jahre später hat Udo Bölts seine Meinung geändert. Denn von ihm stammt folgendes Zitat: «Einen neuen Helm kann ich mir kaufen. Einen neuen Kopf nicht.»

Eine missglücke Anti-Helm-Aktion

Im Jahr 2003 konnte sich der Radportverband UCI doch noch durchsetzen und verhängte die allgemeine Helmpflicht auch für Profis. Doch Unverbesserliche gab es immer noch. Im selben Jahr ereignete sich eine Episode, die Andreas Beune in seinem Büchlein «Rennfahrerblut ist keine Buttermilch» schildert. Wir erinnern uns: Auslöser dieser neuen Regelung des Verbandes war ein weiterer Tod eines Rennfahrers. Andrei Kivilev erlag den Kopfverletzungen, die er sich bei einem Sturz an der Rundfahrt Paris–Nizza zugezogen hatte.

Richard Virenque und Jacky Durand waren mit der Helmpflicht ganz und gar nicht einverstanden. Sie beschlossen, bei der vierten Etappe der Dauphiné Libéré zu protestieren. Wenig pietätvoll, wie Beune konstatiert, denn der Protest sollte genau an dem Tag stattfinden und nur wenige Kilometer von der Stelle vorbeigeführt werden, an der Kivilev gestürzt war. Der Plan bestand darin, dass alle Fahrer für zwei Minuten still stehen und dazu ihre Helme abnehmen sollten. Doch nicht alle Fahrer wurden über das Vorhaben der zwei Aufmüpfigen informiert. Kommt hinzu, dass nicht jeder Veloprofi mit dem Vorhaben von Virenque und Durand einverstanden war. «Folglich dauerte die Aktion gerade einmal 30 Sekunden, bis die ersten Fahrer wieder in die Pedale traten», schreibt Beune. Durand sei ob dieser Ignoranz so verärgert gewesen, dass er sich sogleich wieder auf seinen Renner schwang und losspurtete. Seine Attacke wurde aber schnell abgewehrt. Und es kam für ihn noch schlimmer. «Der frus­trierte Durand fuhr wenig später mit hoher Geschwindigkeit in ein Polizeimotorrad und stürzte spektakulär. Er musste schnell an den Strassenrand springen, um nicht überfahren zu werden.»

Velokäppchen sind verschwunden

Interessanterweise gab es 2003 noch eine Ausnahmeregelung zum Helmtragen. Dann nämlich, wenn es in die Berge ging. Der Helm durfte bei Bergankünften vor dem Schlussanstieg abgelegt werden. Die Fahrer gaben den Helm dann ins Begleitfahrzeug. Oder sie warfen ihn einem unten beim Berganstieg postierten Teammasseur oder Mechaniker zu, der genau zu diesem Zweck abgestellt werden musste.

Die unter dem Strich positive Entwicklung im Radsport in Sachen Helmtragen hat einen kleinen Schönheitsfehler. Ein schönes Radsportaccessoire ist wegen der Helmpflicht beinahe verschwunden: die bunten und kultigen Velokäppchen. Nur bei schlechtem Wetter werden sie noch gerne unter dem Helm getragen – der Schirm des Käppis schützt nämlich auch vor Spritzwasser.

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