Auf dem Weg von der Auto- zur Velostadt

Mit 1700 Mitgliedern ist Pro Velo Genf eine der grossen Regionalorganisationen. Sie braucht allerdings auch einen starken Rückhalt, denn die Stadtverwaltung zeigt sich nicht immer velofreundlich.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
06.02.2013

Das Velo macht in Genf Terrain gut. Noch nicht mit Höchstgeschwindigkeit, doch in der Stadt am westlichen Ende der Schweiz ist einiges in Bewegung. Das zeigt eine Rundfahrt durch die Stadt mit Lisa Mazzone, Koordinatorin bei Pro Velo Genf. Erster Halt ist die Velostation am Bahnhof. Deren Bau wurde lange verzögert, da die SBB das Areal für eine allfällige Bahnhofserweiterung nutzen wollten. Nach zähem Ringen konnte sich die Velolobby aber durchsetzen, und seit einem Jahr ist die Station nun in Betrieb.

Ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs liegt eine Institution der Genfer Velokultur. Die seit 22 Jahren selbstverwaltete Velowerkstatt des Kollektivs «Péclôt 13». Sie war vom Abriss bedroht, denn die Stadt möchte anstelle der alten Liegenschaft Wohnungen und Geschäftsräume errichten. Doch die Verwaltung hatte nicht mit der Genfer Fahrradszene gerechnet, für die die Werkstatt eine zentrale Rolle spielt. Rund 6000 Personen unterschrieben eine Petition gegen den Abbruch. Nun sind die Pläne der Stadt bis auf Weiteres auf Eis gelegt hat.

Lisa Mazzone weiss auch von einem Genfer Pilotprojekt zu berichten: An neuralgischen Punkten, wo Radwege und Tramschienen sich kreuzen, wurde das Tramgleis mit Gummimatten ausgelegt, sodass die Velopneus nicht in die Schienen geraten können. «Die Sturzgefahr wird reduziert», erläutert Mazzone.

Doch Genf ist auch ein hartes Pflaster: Die Pro-Velo-Koordinatorin verweist auf einen Strassenzug, auf dem sich morgens und abends der Verkehr regelmässig staut. Das wäre aus Sicht der Radfahrenden kein Problem, da entlang der Strasse ein Veloweg verläuft. «Der wird von den überaus zahlreichen Motorrollern aber verbotenerweise als Ausweichroute benutzt», sagt die Koordinatorin. Seit zweieinhalb Jahren ist sie in ihrer Funktion und stellt einen gewissen Unwillen der Stadtverwaltung fest, die Flut motorisierter Zweiräder einzudämmen. Und dies, obwohl die Problematik bekannt sei.

Der Veloanteil wächst

In Genf werden seit 1987 im Zweijahresrhythmus Verkehrszählungen durchgeführt. «Die jüngste Zählung auf einem Radweg hat ergeben, dass 20 bis 30 Prozent der registrierten Zweiräder Scooter sind», weiss Mazzone. Pro Velo fordert von der Stadt deshalb eine klarere Haltung. Und sie findet es falsch, dass der Entwurf des kantonalen «Mobilitätsplans 2030» die Förderung von Elektro-Scootern vorsieht. «Das ist falsch, denn E-Scooter lösen keine Verkehrsprobleme», bringt sie die Position von Pro Velo auf den Punkt. Die Verkehrszählungen zeigen aber auch Erfreuliches: Der Veloanteil am Genfer Strassenverkehr hat zwischen 2009 und 2011 um 30 Prozent zugenommen.

Geführte Ausflüge

Im Hauptquartier von Pro Velo am Boulevard Carl-Vogt angekommen, dreht sich das Gespräch um die Arbeit der lokalen Fahrradförderer. «Seit 2012 haben wir einen Leistungsauftrag der Stadt», sagt Mazzone. Pro Velo erhält jährlich 85?000 Franken für definierte Projekte. So findet sechsmal pro Jahr der «Samedi au vélo» statt. Das sind geführte und von Pro Velo organisierte Fahrradausflüge mit wechselnden Themen. Dabei werden Genfs Einwohnerinnen und Einwohnern etwa kulturelle Highlights nähergebracht. Die Touren sind für die Teilnehmenden gratis und stossen auf reges Interesse.

Ergänzend werden an den Velo-Samstagen Velofahrkurse angeboten, die ebenfalls zum Leistungsauftrag gehören. Und bei Genèveroule werden Interessierte im Reparieren von Fahrrädern angeleitet. Auf Mandatsbasis wird auch ein gedruckter städtischer Tourenführer herausgegeben. Ähnlich den Veloland-Tourenführern von Pro Velo Schweiz, führt das Genfer Pendant zu Sehenswürdigkeiten der Stadt und liefert Hintergrundinformationen. «Wir stehen kurz vor dem Abschluss einer neuen Ausgabe», sagt Lisa Mazzone.

Trotz der finanziellen Unterstützung durch die Stadt sei Pro Velo unabhängig, betont die Koordinatorin. Man mische sich weiterhin in verkehrspolitische Themen ein, weise auf Missstände hin und stelle Forderungen – auch wenn die Stadt dies nicht immer goutiere. Mit rund 1700 Mitgliedern verfügt Pro Velo über Rückhalt in der Bevölkerung.

Im vergangenen Dezember hat die kantonale Finanzkommission die geplante Einrichtung eines Genfer Veloverleihs zur Ablehnung empfohlen. Die Infrastrukturkosten seien zu teuer, so die Begründung. Der Entscheid löst bei Lisa Mazzone Kopfschütteln aus. «Der Kanton hatte 700?000 Franken veranschlagt, was nur einem Drittel der budgetierten Gesamtkosten entspricht. Den Rest wollen die Regionsgemeinde und TPG (transports publics genevois) bezahlen», so Mazzone. Pro Velo setzt sich nun dafür ein, dass die bevorstehende Abstimmung im Kantonsrat trotz des Nein-Antrags der Finanzkommission positiv ausfallen wird.

www.pro-velo-geneve.ch

 

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