Arbeitsweg – ein Beitrag zur CO2-Reduktion

Bike to work wächst weiter und erreicht inzwischen einen Fünftel aller Schweizer Angestellten. In Grossbetrieben gibt es inzwischen gute Veloinfrastrukturen. Aber auch kleine und mittlere Betriebe sollen vermehrt zum Mitmachen animiert werden.

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Ivo Mijnssen, Autor (ivo.mijnssen@gmail.com)
Schwerpunkt, 15.07.2010

Als Otti Bisang sein Amt antrat, fuhr er mit dem Velo zur Arbeit. Auf seiner ersten «Dienstfahrt» wurde dem Umweltbeauftragten der Grossbank Credit Suisse prompt das Fahrrad geklaut. «Das war ein hoher Einstiegspreis», sagt Bisang und lacht. Doch das konnte seine Begeisterung nicht trüben: Seit zwanzig Jahren fährt er mit dem Velo zu seinem Arbeitsplatz. Nur eines hat sich geändert: Statt auf einem teuren Citybike fährt er seit dem Klau mit einem alten Mondia-Rad.

Otti Bisang ist einer von 51'076 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der diesjährigen Aktion bike to work, an der eine neue Rekordbeteiligung erwartet wird. 1259 Unternehmen haben sich angemeldet, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Am meisten Leute fahren in den Kantonen Bern und Zürich mit, doch auch in der Romandie und im Tessin steigt das Interesse. Bike to work ist inzwischen gesamtschweizerisch gut verankert und erreicht rund 750'000 Mitarbeitende – etwa 20 Prozent der werktätigen Bevölkerung.

Die Mobilisierung ist wichtig

Die Credit Suisse beschäftigt in der Schweiz gut 20'000 Angestellte, davon machen dieses Jahr 411 in 105 Teams mit an bike to work. Sie werden zusammen über 70'000 Kilometer zurücklegen und so knapp zweimal die Erde umrunden. Als sich Credit Suisse vor drei Jahren zum ersten Mal an der Aktion beteiligte, wurden noch alle Mitarbeitenden mit Flugblättern informiert. Damals fuhren 950 Personen mit. Seit die interne Kommunikation nur noch digital erfolge, habe die Mobilisierung und damit auch die Beteiligung abgenommen, stellt Otti Bisang fest.

Der stellvertretende Projektleiter der Aktion bei Pro Velo, Oliver Kressmann, beobachtet das gleiche Phänomen auch bei anderen Betrieben: Intern nenne man es «Pizzaeffekt»: «Wenn man an drei Tagen hintereinander Pizza gegessen hat, möchte man am vierten Tag was anderes.» Gewisse Mitarbeitende fahren einmal ein Jahr lang nicht mit, sagt Kressmann.

Der Reiz des Arbeitswegs

Trotz «Pizzaeffekts» koordiniert Otti Bisang die Aktion auch dieses Jahr. Jeden Morgen fährt er die acht Kilometer von Küsnacht in die Zürcher Innenstadt. Auf der «Route 66», wie er sie nennt, radelt er meist vor sieben Uhr in Jeans und Windjacke oder Faserpelz los.

An diesem Junimorgen scheint die Sonne, doch die Luft ist noch kühl. An der Seepromenade begegnen uns vereinzelt Spaziergänger und einige Fischer, die auf dem Steg ihre Angelruten aus­geworfen haben – eine Idylle, welche die im allmorgendlichen Stau steckenden Autopendler verpassen. Bisang, der in seiner Freizeit dem Mountainbike-Orientierungslauf frönt, fährt in forschem Tempo in die Innenstadt.

An seinem Arbeitsplatz am Bleicherweg warten verschiedene Garnituren von Hemden und Krawatten. Die Entschuldigung vieler Banker, sie müssten im Anzug arbeiten, lässt er nicht gelten. Alles sei eine Frage der Organisation und des Willens des Arbeitgebers.

Das Velo (fast) im Zentrum

Als wir am Sitz der Bank ankommen, ist der Ansturm der Radfahrenden auf den ersten Blick relativ bescheiden. Auf dem grosszügig bemessenen Veloabstellplatz steht ein knappes Dutzend Räder. Obschon an der Einfahrt BMWs und Porsches dominieren, weisen Velomarkierungen den Weg zu den Abstellplätzen.

Credit Suisse hat in den letzten Jahren viel unternommen, um die Bedingungen für Radfahrende zu verbessern. «Bike to work hat hier viel ausgelöst», sagt Otti Bisang. Nach Fertigstellung des Erweiterungsbaus Uetlihof, des neuen Bürogebäudes im Minergie-Standard, stehen dort den 8000 Mitarbeitenden ab dem nächsten Jahr 600 Velo-Abstellplätze zur Verfügung. Verglichen mit den 850 Autoparkplätzen eine stattliche Zahl. Sie istnicht zu hoch gegriffen, versichert Bisang, basiert sie doch auf einer internen Mobilitätsstudie, welche die Bank vorgängig erstellt hat. Gratis-Autoparkplätze gibt es bei der Bank keine, Firmenautos für den Privatgebrauch auch nicht. Dort, wo die Bank Gebäude nur mietet, macht sie Druck auf die Besitzer, Duschen und Garderoben einzubauen. Solche sind deshalb heute in Zürich an verschiedenen Standorten vorhanden.

Für die Oper ist das Velo kein guter Begleiter

Inzwischen haben sich im Parkhaus weitere Velopendler und Velopendlerinnen eingefunden. Fabian Huwyler pendelt während des Aktionsmonats mit dem Velo zwischen Bahnhof und seinem Arbeitsplatz, den Rest des Weges legt er per Zug zurück. Monika Güntensperger ist heute ohne Fahrrad gekommen: «Heute Abend gehe ich in die Oper, da kam ich mit dem Tram.» Letztes Jahr machte sie zum ersten Mal bei bike to work mit. Ihr Selbstbewusstsein als Velofahrerin habe sich seither klar verändert: «Da ich nun regelmässig durch die Stadt fahre, fühle ich mich im Verkehr sicherer.» Allerdings fährt sie weiterhin vor allem bei gutem Wetter Velo.

Weder Monika Güntensperger noch Fabian Huwyler sind klassische Umsteiger. Und Projektleiter Otti Bisang bestätigt, dass die meisten Teilnehmenden von bike to work zum «harten Kern» jener gehören, die auch sonst das Fahrrad im Alltag benutzen. Er stellt aber fest, dass die Abstellplätze in den letzten Jahren besser ausgelastet sind als früher.

Über bike to work sensibilisieren

Schweizweit kann durchaus ein Umsteigeeffekt festgestellt werden: In Umfragen gibt fast die Hälfte an, für die Aktion bike to work auf das Velo umgestiegen zu sein. Schwieriger zu beurteilen ist, ob diese Leute auch in den kälteren Herbst- und Wintermonaten in die Pedale treten.

In einem international vernetzten Unternehmen wie der Credit Suisse kann bike to work nur Teil einer breiteren Strategie sein. Unter dem Titel «Credit Suisse Cares for Climate» verfolgt die Bank das Ziel, ab diesem Jahr weltweit CO2-neutral zu werden. In der Schweiz ist dies bereits seit 2006 der Fall. Der lokale Verkehr der Mitarbeitenden macht dabei einen verschwindend kleinen Teil in der Energiebilanz aus. Von den 273'000 Tonnen CO2, welche die Firma 2009 weltweit produzierte, entfallen 97 Prozent auf den Energieverbrauch der Gebäude und auf Flugreisen. In diesen Bereichen besteht denn auch das grösste Reduktionspotenzial.

Damit die Energiefrage jedoch ins Bewustsein rückt, sind publikumswirksame Aktionen wie bike to work zentral. So fördert die Credit Suisse auch in den USA das Fahrrad und gewann dafür 2008 in New York die Auszeichnung «Fahrradfreundlichster Arbeitgeber». Solche Preise sorgen für positive Presseberichte und sensibilisieren gleichzeitig die Mitarbeitenden für den Umweltschutz und die Gesundheitsförderung.

Die KMU noch besser mobilisieren

Auch auf die Aktion bike to work wirkt sich die Teilnahme von grossen Firmen positiv aus, da viele Menschen auf einmal erreicht werden. Laut Projektleiterin Aline Haldemann sind heute 16 der 20 grössten Firmen der Schweiz dabei. Die Organisatoren sehen das grösste Potenzial für ein weiteres Wachstum von bike to work bei den über 300'000 kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Sie verfügten kaum über Umwelt- oder Mobilitätsbeauftragte, welche die Organisation der Aktion übernehmen würden, sagt Haldemann. Die Firmenleitungen zögerten deshalb und fürchteten den Aufwand. Für die nächste Ausgabe von bike to work seien deshalb weitere Vereinfachungen für KMU ge­plant.

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