Alles neu macht der Mech

Aus einer Beule am Schutzblech wird ein Totalschaden – doch was folgt, ist die wundersame Wiederauferstehung des geliebten Fahrrads.

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Nicole Soland
Kommentar, 14.07.2014

«Eine kleine Beule kann ganz schön ins Geld gehen»: Das ist ein typischer AutobesitzerInnen-Satz. Dachte ich. Bis ich eines Tages eine Beule im vorderen Schutzblech meines Velos bemerkte. Da es sowieso neue Bremsklötze brauchte, fuhr ich beim Velomech vorbei und sagte dort beiläufig, diese Beule da vorn lasse sich sicher ausklopfen. «Mach ich», versprach er. Doch dann beugte er sich nochmals kurz runter, um sich den «Patienten» aus der Nähe anzuschauen, und als er sich wieder aufrichtete, machte er ein ernstes Gesicht und nahm sein Versprechen zurück. Was war geschehen? Die unschuldige kleine Beule war keine, erfuhr ich, beziehungsweise sie war bloss Teil des grösseren Schadens dahinter: «Schau, hier sieht man es gut. Der Rahmen ist gestaucht.» Rahmen gestaucht? Klingt gar nicht gut. «Totalschaden», fügte er an. Aber wie um Himmels Willen kommt mein Velo zu einem gestauchten Rahmen? «Frontalzusammenstoss», meinte der Mech. Tja, klingt logisch. Nur: Ein Frontalzusammenstoss mit dem Velo, und die Fahrerin merkt nichts davon? Der Mech beruhigte mich: Sei ein Velo irgendwo draussen angekettet, sprich gut fixiert, und touchiere dann die Stossstange eines Autos, dessen FahrerIn sich beim Parkieren oder Rückwärtsfahren verschätzt habe, das Vorderrad des Velos, dann könne es durchaus passieren, dass der Rahmen gestaucht werde – und zwar schon bei Tempi unter zehn Stundenkilometern. Will heissen: Er oder sie hat das Malheur wohl nicht einmal bemerkt.
Das ist ein schwacher Trost für eine, die sich ein Leben ohne ihr selbst zusammengestelltes Velo nur schwer vorstellen kann. Dass ich trotzdem nicht in Panik ausbrach, hat einen Grund: Der Velorahmen wurde in der Schweiz hergestellt, in einer 1930 gegründeten Velofabrik in Gretzenbach im Kanton Solothurn. Schweizer Handwerk hat in Zeiten der Globalisierung keinen Stich mehr? Ach wo. Ich griff zum Telefonhörer, und es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Namen nennen, sagen, dass ich das Velo im Sommer 2005 gekauft habe, dass es mich seither gut einmal um die Erde getragen hat und ich unbedingt wieder denselben Rahmen möchte … Der freundliche Mann von der Velofabrik schien solches nicht zum ersten Mal zu hören; dem Rascheln nach zu schliessen begann er sogleich in einer Kartei zu blättern, und schon hatte er mein Velo gefunden: Rahmentyp, Rahmengrösse, RAL-Nummer der Farbe – «wollen Sie wieder die gleiche?» Aber sicher doch ... Kein Problem: In etwa zehn Tagen werde der neue Rahmen dem Velomech geliefert. Der schraubte sodann einen Tag lang alle Teile vom alten Rahmen ab und an den neuen ran. Vor lauter Freude über das gute Ende schaffte ich mir gleich noch den lange gewünschten Transportanhänger an. Und lernte dazu: Im Zug kann man den Platz gratis mit riesigen Koffern verstellen, aber für ein schnuckeliges kleines Anhängerchen braucht man ein Velobillett. Eigentlich müsste mich das ärgern. Aber was solls: Hauptsache, das neu-alte Velo ist wieder fit.

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