«Achtung, E-Biker!»

Als Dienstchef der Verkehrsleitzentrale der Kantonspolizei Zürich weiss Roger Hardmeier ganz genau, wie ein reibungsloser Verkehrsfluss aussieht.

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Esther Banz (Text und Foto)
17.09.2013

Roger Hardmeier sagt es im Voraus, und er sagt es bestimmt: «Über verkehrspolitische Themen werde ich nicht sprechen.» Wohl aber übers Velofahren, den Autoverkehr und über die Naturfreunde. Hier ist er aktives Mitglied als Tourenleiter und Sektionspräsident in Kloten.

Hardmeier wohnt in Bassersdorf und fährt jeden Tag mit dem Velo in die Verkehrsleitzentrale nach Zürich, im Winter mit dem Mountainbike, im Sommer mit dem Rennrad – und auf dem Heimweg nimmt er manchmal den Umweg über Rapperswil.

Roger Hardmeier, 61 Jahre, Schnauzträger, «praktizierender Grossvater», gelernter Tiefbauzeichner und später Polizist, ist seit zehn Jahren Chef der Verkehrsleitzentrale. Als vor vier  Jahren der Üetlibergtunnel eröffnet wurde, war das Interesse gross: Wer fährt als Erstes durch? Es war an Roger Hardmeier, zu verkünden: «Ein Deutscher war der Erste!»

Respekt vor Eisglätte

Das runde Gebäude der Zürcher Verkehrsleitzentrale sitzt auf dem Milchbucktunnel-Portal, ist aber trotz seiner ausgefallenen Architektur fast unscheinbar. Hardmeiers Velo steht in der Tiefgarage, ganz alleine hinter einer Gittertür, gut geschützt. Man geht an vielen Autos vorbei, um dorthin zu gelangen. Er habe überhaupt keine Mühe mit Autos, sagt der Verkehrsprofi, obschon er tagtäglich sehe, wie die Pendler im Stau stehen, wie sich die Schlangen durch die Tunnels wälzen.

«Wenn ich für Skitouren in die Berge fahre, kann ich das Auto meiner Freundin nehmen. Es ist ein geliebter Luxusgegenstand.» Als das Paar zusammen vom Atlantik ans Mittelmeer wanderte und die Pyrenäen der Länge nach durchquerte, ging es aber mit dem Zug zum Ausgangspunkt und ebenso wieder nach Hause. Auch zur Arbeit fährt er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn es denn mal sein muss. «Aber das ist nur selten der Fall, nur im Winter, wenn es eisig ist. Vor Eis habe ich grossen Respekt.» Und vor BeifahrerInnen, die in der Schlange stehend, ohne zurückzuschauen, unvermittelt die Tür öffnen – auch das hat er schon erlebt und überlebt. Das Velo war schrottreif.

Von den AutofahrerInnen wünschte er sich vor allem ein bisschen mehr Respekt – zum Beispiel vor dem ersten Schnee: «Der ist offensichtlich immer eine Überraschung. Ich frage mich: Wie kann Schnee eine Überraschung sein? Es ist sichtbar weiss auf der Strasse.» Und dennoch knalle es beim ersten Schnee jedes Jahr bis zu 120 Mal, allein im Kanton Zürich. Die häufigste Unfallursache aber sei, so Hardmeier, Unaufmerksamkeit: «GPS, Handy, Radio und so weiter. Die Strasse ist dann immer zu kurz.»

Und dann erzählt er von einem Phänomen, das PolizistInnen, Feuerwehrleute und SanitäterInnen gut kennen: von der persönlichen Ausrüstung der Autofahrenden. Viele gelangen direkt von der Wohnung mit dem Lift in die Garage und ins Auto, und am Arbeitsort ebenfalls wieder von der Tiefgarage direkt ins Büro. Sie sind nie der Kälte ausgesetzt und könnten auch im Pyjama zur Arbeit fahren. Tatsächlich sind selbst im Winter viele Leute ohne warme Schuhe und Jacke unterwegs. Sind sie dann in einen Unfall verwickelt, frieren sie sich an der Unfallstelle fast den Allerwertesten ab. Handkehrum wird im Sommer die Hitze zum Problem. «Erstaunlicherweise sind viele Leute ohne Wasser oder Getränke unterwegs. Unter der brennenden Sonne im Stau wird es dann ungemütlich.»

Keine potenziellen Selbstmörder

Diese Beobachtungen betreffen die Autofahrenden. An die Adresse der Velofahrenden hat der Verkehrsprofi ebenfalls Tipps. Den E-Bike-FahrerInnen empfiehlt er: «Besucht einen Kurs.» Hardmeier, einer der Ersten, die sich damals einen Suva-Helm kauften und der auch mit Helm fährt, rät zum Kopfschutz. Und er möchte den Autofahrenden noch etwas sagen. Nämlich, dass Velofahrende keine potenziellen Selbstmörder seien – sondern durchaus aufmerksame Verkehrsteilnehmende. «Ich bin gespannt auf die Resultate des derzeit in Basel-Stadt stattfindenden Versuchs mit dem erlaubten Rechtsabbiegen bei Rotlicht für Velos», sagt er. Eigentlich wollte er ja nicht über Verkehrspolitik reden, aber dafür ist Roger Hardmeier dann doch zu sehr leidenschaftlicher Velofahrer.

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