Auf der Avenue einer Stadt in den USA nähern wir uns einem Rotlicht. Davor warten drei Autos. In der Schweiz würden wir uns rechts der Autos am Randstein nach vorne an die Spitze quetschen. Hier empfinden wir diese Sitte bald schon als Unsitte. Wir ändern sie: Bei Rot halten wir mitten auf der Fahrspur an, warten etwa fünf Meter hinter dem letzten Auto auf das grüne Licht. Der Autolenker, der uns folgt, akzeptiert das, ebenfalls mit grosszügigem Abstand hinter uns. So hat die Person den Überblick, fährt auch minutenlang in unserem Tempo und gutem Abstand hinter uns her, bis eine übersichtliche Situation sicheres Überholen erlaubt.
Zuerst haben wir uns ungläubig die Augen gerieben, unterwegs aber festigt sich der Eindruck, dass Europas Autofahrerei und der Umgang zwischen Auto- und Veloherrschaften, im Vergleich mit den USA, ziemlich barbarisch sind. Es gibt auch in Europa Nuancen. So haben etwa alle französischen Autofahrer ein bisschen Velokultur – dank der Tour de France. Veloreisende geniessen in Gallien mehr Respekt als in Germanien und Helvetien. Beispiel gefällig? Ich pedaliere sportlich von Andermatt nach Hospental. Dort ist eine unübersichtliche S-Kurve, die Strasse schmal, der Verkehr nervös. Ich merke, dass hinter mir ein Autofahrer vom Gas gegangen ist, mir in meiner Geschwindigkeit mit zehn Metern Abstand folgt. Das dauert zwanzig Sekunden, der Gegenverkehr ist intensiv. Da beginnt weiter hinten ein Hupkonzert, dessen Grund ich bald begreife. Die Autofahrer zwei, drei und vier hinter mir protestieren dagegen, dass Autofahrer eins auf mich Rücksicht nimmt.
Da wird es übersichtlicher und der Gegenverkehr spärlicher, Auto Nummer eins überholt mich sicher. Ich sehe sein französisches Nummernschild. Es folgen hupend die Autos zwei, drei und vier. Die Wagen der fuchtelnden Fahrer sind aus den Kantonen Schwyz, Uri und Aargau. Ich teile nicht die stark verbreitete Meinung, unsere Autofahrer seien aggressiv; aber die Helvetier sind sehr ungeduldig.
Die Radreise in den USA eignet sich dazu, viele europäische Vorurteile abzubauen, auch im Strassenverkehr. Die Amis sind elegant, sind kuhl – auch am Steuerrad, und ihre Kuhlheit auf dem Asphalt ist eine Form des Höflichseins, welche die Sicherheit erhöht. Auch uns auf dem Velo stünde mehr Kuhlheit gut an; das Sich-rechts-nach-vorne-Quetschen ist übrigens absolut unkuhl.
Eine weitere Überraschung in den USA erleben wir dort, wo ein Highway, also eine Hauptstrasse, von einer Interstate, das heisst Autobahn, verschluckt wird und der Langsamverkehr in die Enge gerät. An diesen Stellen befahren wir mit dem Velo einfach den Pannenstreifen der Autobahn. Am Rand sind Schilder mit einem Velo-Signet angebracht, darunter steht geschrieben: SHARE THE ROAD. Die Tafeln wären nicht nötig, weil an den Radlern auf der Autobahn niemand etwas auszusetzen hat.
Ach, Amerika, das aber finden wir echt kuhl!
Dres Balmer
18.09.2015







