Emil Zimmermann schaut sich die Rangliste an und schüttelt den Kopf: «Ein 37er-Schnitt, das darf doch nicht wahr sein. Da müssten zwei, drei Stundenkilometer mehr drinliegen.» Zimmermann ist der Verantwortliche des Bigla-Cycling-Nachwuchsteams, das nach der Auflösung des Bigla-Profiteams übrig geblieben ist. Schauplatz des Treffens sind die Strassen-Schweizermeisterschaften in Kriegstetten, die ersten Titelkämpfe seit langem ohne Beteiligung einer Schweizer Spitzenfahrerin.
Die goldenen Zeiten im Frauenradsport sind vorerst passé. Nach Priska Doppmann zog sich auch die Olympia-Medaillengewinnerin Karin Thürig vom Strassenradsport zurück (sie will in Zukunft wieder Triathlons bestreiten). Zuletzt folgte der Rücktritt von Nicole Brändli, der dreifachen Gewinnerin des Giro d’Italia Femminile. Dieses Trio sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder für Erfolgsmeldungen. Dank ihnen wurde der Frauenradsport auch in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Im Schatten der drei Grossen ging die Nachwuchsförderung allerdings komplett vergessen.
Das Feld bummelt ohne Leaderin
Mit ihren Rücktritten haben Doppmann, Thürig und Brändli die Hierarchie aufgebrochen. Doch noch ist keine der jüngeren Fahrerinnen so weit, die verwaisten Leaderpositionen einnehmen zu können. Dieses Vakuum an der Spitze hatte sogar dazu geführt, dass Swiss Cycling aus Spargründen die Frauen-Nationalmannschaft auf Eis legen wollte. Erst die massive Intervention des technischen Leiters, Roland Richner, bewog den Vorstand zu einem Umdenken.
Das Fehlen von Spitzenfahrerinnen, die Verantwortung übernehmen, macht sich auch im Meisterschaftsrennen bemerkbar: Auf den ersten 80 von 120 Kilometern gibt es kaum einen Angriff. Das Feld spult geschlossen das Pensum ab. Erst auf den letzten 20, 30 Kilometer kommt etwas Bewegung ins Rennen. Schliesslich setzen sich drei Fahrerinnen ab, die im Sprint den Titel unter sich ausmachen. Siegerin wird Emilie Aubry, ein Name, den man bis jetzt ausserhalb des Radsports nicht kennt.
Schlechte Werbung für den Sport
«Das war überhaupt keine Werbung für den Frauenradsport», sagt Emil Zimmermann. Seit Jahren ist der Surseer eine feste Grösse in dieser Disziplin. Zuletzt konnte er den Industriellen und ehemaligen Swiss-Cycling-Präsidenten Fritz Bösch überzeugen, wenigstens noch eine Frauen-Nachwuchsequipe zu unterstützen. Mit Erfolg: Die sechs Amateurinnen qualifizierten sich innerhalb weniger Wochen für die Elite-Kategorie. Damit stehen sich bei den Elite-Rennen nun wieder drei Mannschaften gegenüber: Bigla, das Team von Bike-Import und das Cervélo-Test-Team, welches mit Aubry und Patricia Schwager zwei Schweizerinnen unter Vertrag hat.
Auch Biglas Zukunft ist ungewiss
In der Krise halten sogar die Teamchefs zusammen. Internationale Rennen werden aus Kostengründen nicht mit der Nationalmannschaft bestritten, sondern mit Sportgruppen. Diese machen unter sich aus, welche Fahrerinnen mitgenommen werden – unabhängig von ihrer Teamzugehörigkeit. «Nur gemeinsam kommen wir weiter», sagt Zimmermann, der selber noch um die Zukunft seines Teams bangen muss. Mäzen Bösch hat seine Unterstützung bis Ende 2010 zugesichert. Ob und wie es mit dem Bigla-Team nächstes Jahr weitergeht, ist derzeit noch offen.
Nationaltrainer Markus Nagel begrüsst die Solidarität unter den Sportgruppen. Er selber hat sich zur Aufgabe gemacht, nicht den kurzfristigen Erfolg zu suchen, sondern eine langfristige Aufbauarbeit mit den U-23-Fahrerinnen in Angriff zu nehmen. Im Fokus stehen die fünf Fahrerinnen Emilie Aubry, Jessica Schneeberger, Doris Schweizer, Nicole Hanselmann und Mirjam Schwager. Diese Gruppe will Nagel sorgfältig an die Spitze führen. Der Nationaltrainer betont dabei, dass das Fahrerinnen-Quintett behutsam aufgebaut werden muss: «Unser Fernziel ist 2016. Bis dann sollten wir den Anschluss an die internationale Spitze wieder geschafft haben.»







