Autobahnen und Tunnel bauen, das können wir in der Schweiz: Noch bevor die ersten Züge durch den neuen Gotthardtunnel fuhren, wurde die zweite Autobahnröhre durch ebendiesen Berg angenommen, und kürzlich gabs an der Urne auch noch ein Ja zum Nationalstrassen- und Agglomerationsfonds.
In der Frühlingssession beschlossen unsere Parlamentarierinnen und Parlamentarier in Bern, das Klimaabkommen von Paris zu ratifizieren. Dessen Umsetzung bedingt unter anderem eine deutliche Begrenzung der Treibhausgasemissionen. Kaum war dieses Geschäft unter Dach und Fach, sprach sich der Nationalrat gegen eine Lenkungsabgabe auf Energie aus.
Spätestens jetzt kommt die Velofahrerin ins Grübeln: Auf fossilen Brennstoffen wird eine CO2-Abgabe erhoben, auf Treibstoffen nicht. Denn eine CO2-Abgabe auf Benzin kann sich unsere Wirtschaft nicht leisten, sagen bürgerliche PolitikerInnen.
Hierzulande umfassen viele Autofahrten Strecken von weniger als fünf Kilometern. Fragt man die Leute, wieso sie für solch kurze Distanzen das Auto nähmen, lautet die Antwort meistens, sie müssten eben etwas transportieren, Einkäufe zum Beispiel, oder sie würden die Mutter ins Spital, die Kinder zur Schule oder den Nachbarn zum Jass-Stammtisch fahren. Das deckt sich mit dem, was uns bürgerliche Politikerinnen und Politiker erklären: Wer das Auto nimmt, hat stets gute Gründe dafür, und deshalb braucht es nun mal mehr Strassen, Autobahnen und Parkplätze.
Da fällt mein Blick auf einen Artikel in der «NZZ», in dem es um die Krise des Detailhandels geht und darum, dass immer mehr Waren online bestellt werden. Was man online bestellt, wird einem normalerweise per Post oder Kurier nach Hause geliefert. Ist man nicht zu Hause, wenn der Bote klingelt, muss man das Paket selber abholen gehen. Und wer das mit dem Velo erledigt, bekommt das Porto zurückerstattet...
Ach wo: Da ist mir doch glatt die Fantasie durchgebrannt, ‘tschuldigung!
Und überhaupt: Wer unbedingt klimaschonend mit dem Velo zur Arbeit, zum Päckliabholen auf der Post, zum Einkaufen, zum Freundinnentreffen etc. fahren will, darf das hierzulande gerne machen, kein Problem. Dass er oder sie dabei einen kleinen Beitrag gegen die Klimaerwärmung leistet – und dass dieser Beitrag ziemlich schnell ziemlich gross werden könnte, wenn ziemlich viele mitmachten –, das gehört nicht an die grosse Glocke gehängt.
Sonst bekommen am Ende noch jene, die für die eineinhalb Kilometer zur Post das Auto nehmen, ein schlechtes Gewissen. Und das ist – garantiert! – schlecht für die Wirtschaft.
Nicole Soland
22.03.2017







